Weltkugel

Von Flügeltürern und Steuerleuten: eine Wanderfahrt auf vier Rädern

Es war einer dieser Samstage, an denen das Licht über dem Starnberger See eine Klarheit besaß, wie man sie sonst nur von oberbayerischen Vedutenmalern kennt. Gegen 11 Uhr versammelten wir uns vor dem Clubhaus des MRC. Es roch nach Benzin, altem Leder und jener freudigen Erwartung, die entsteht, wenn automobile Klassiker auf eine Gemeinschaft treffen, die das Rudern im Blut und die Leidenschaft für Ästhetik im Herzen trägt.

Drei „Steuermänner“, wie sie sich im Vorfeld scherzhaft nannten, hatten zur Benefiz-Ausfahrt geladen. Anlass war das Einlösen der zuvor versteigerten Mitfahrten zugunsten der Sanierung unseres Clubhauses. Die erwartungsvollen Beifahrer: Polly, Romano (Jennys Vater) und Uli K.

Bevor wir die Motoren starteten, bot sich ein Bild, das in jedem Automagazin eine Doppelseite verdient hätte: Nick präsentierte seinen wunderbaren MG TF von 1954, seit 50 Jahren in seinem Besitz – ein britisches Automobiljuwel. Bernd vertraute auf seinen roten MG B GT, Baujahr 1973, den er seit 33 Jahren hütet. Komplettiert wurde das Trio von Thomas in einem Porsche 356 SC von 1964, dessen Boxermotor die Fahrt mit einer unverwechselbaren Klangkulisse untermalte.

Wir verließen Starnberg in Richtung Osten. Über Kempfenhausen glitten wir dahin, während der Fahrtwind die Sommerhitze milderte. In Assemhausen legten wir unseren ersten Stopp am monumentalen Bismarckturm ein – jenem 1899 zu Ehren des Reichskanzlers errichteten Aussichtsturm, dessen helle Arkaden auf überraschende Weise mediterranes Flair verströmen.

Die Route führte uns weiter nach Holzhausen. Hier, wo die Kirche St. Johann Baptist und Georg seit mehr als 1.200 Jahren auf einer Anhöhe thront, schlängelte sich unser Konvoi die schmale Straße empor. Oben angekommen, legten wir eine Picknickpause ein. Unter uns breitete sich jene Landschaft aus, die Patrick Süskinds Kindheit geprägt hat. Fast meinte man, die Atmosphäre aus der „Geschichte von Herrn Sommer“ zwischen den Hügeln greifen zu können. Auf einer schattigen Parkbank lauschten wir Bernd, der aus „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ das Gedicht „Im Auto über Land“ vortrug. Als die Verse vom Himmel wie aus „blauem Porzellan“ und den Federwolken erzählten, blickten wir nach oben: Die Natur hielt sich an das Skript. Ein Schmunzeln ging durch die Gruppe bei der Strophe über den Vater, der den Wagen „ohne Fehler über Hügel und durch Täler“ steuert, während wir uns beim Vers „Dauernd Wald, und nirgends Bier“ einig waren, daß wir das Verlangen nach einer Erfrischung teilten.

Also legten wir in Seeshaupt bei der Eisdiele Allora Signora einen weiteren Stopp ein. Dort gibt es nach Auskunft von Einheimischen das beste Eis weit und breit. Ohne jede Reue löffelten wir große Eisbecher mit Sahne leer, während Passanten unsere in der Sonne funkelnden Wagen mit einer Mischung aus Anerkennung und Nostalgie betrachteten.

Bevor es weiterging, tauschten die Beifahrer ihre Plätze. Der Weg führte uns weiter ins Herz des Pfaffenwinkels. Alle genossen die Fahrt sichtlich und winkten sich fröhlich aus den Autos zu. 

Polly beschrieb diesen Zustand später mit sportlicher Intuition als einen ‚Superflow im Skiff‘ oder das Gefühl eines ‚absolut stimmigen Vierers‘, während unser Konvoi den Rhythmus der Landstraße fand und die Kurven so sicher nahm wie ein perfekt getrimmtes Boot das Wasser.

In der Alten Ziegelei, einem sorgsam restaurierten Industriedenkmal von 1870, und dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift verbanden sich Barock und Technikgeschichte. Inmitten der weltbekannten Sammlung des Mercedes-Benz 300 SL „Flügeltürers“ fühlten wir uns wie in einer Kathedrale des Automobilbaus. Nur die Hitze hielt uns davon ab, anschließend das Kunstprojekt STOA169 zu besichtigen – eine beeindruckende Sammlung dekorierter Säulen unter freiem Himmel.

Stattdessen kehrten wir im nahen Biergarten von Polling ein und genossen ein kühles Helles im Schatten der Bäume. Bernd zauberte aus seinem Picknickkorb unter großem Hallo eine wunderbare Brotzeit auf den Tisch, liebevoll zubereitet durch Bernds Frau Claudia, von der alle Pausen-Snacks des Tages stammten. Natürlich stießen wir auf ihr Wohl an. Beim Essen wechselten sich dann Rudererinnerungen und Anekdoten mit Benzingesprächen ab. Von Bernds Routenplanung, die ebenso leicht wie inspirierend wirkte, und den schönen Karossen waren alle derart beeindruckt, dass einige spontan ihren Spendenbeitrag erhöhten. So kamen 3.500 Euro zugunsten der Clubhaus-Sanierung zusammen. Damit wurde der ursprüngliche Betrag glatt verdoppelt. Danke!

Glücklich über den gelungenen gemeinsamen Tag entschieden wir uns für eine zügige Rückfahrt nach Starnberg. Als wir schließlich am späten Nachmittag am MRC eintrafen, wo unsere Familien bereits warteten, brauchte es keine langen Reden mehr. Die Sonne brannte, der See rief. Gemeinsam sprangen wir vom Steg ins kühle Wasser – ein Moment purer Erfrischung, der diesen Tag der Gemeinschaft, der Technik und des guten Zwecks auf schönste Weise abrundete.