Frauenrudern

Alles, was ein Mann kann, kann auch…

Mitte des 19. Jahrhunderts entdecken Engländerinnen und Däninnen den Rudersport für sich, Ende dieses Jahrhunderts beginnen auch in Deutschland Frauen zu rudern. Aber erst 1901, mit Gründung des Friedrichshagener Damen-Ruder-Clubs (FDRC), geziemt es sich für „bürgerliche“ Frauen, in ein Ruderboot zu steigen. Ebenfalls 1901 richtet der Berliner Herrenruderverein Vorwärts als erster Ruderverein in Deutschland eine Damenabteilung ein,1909 folgt der Märkische Ruderverein. 1911 gründen Lehrerinnen des Oberlyceums in Kassel einen Ruderverein für Schülerinnen und am 19. Mai 1913 den Casseler Frauen-Ruder-Verein (CFRV). 1919 gründet sich der Deutsche Damen-Ruder-Verband (DDRV), weil sich der Deutsche Ruderverband (DRV) weigert, Frauen-Rudervereine aufzunehmen. 

Der Münchner Ruderclub von 1880 war zur Zeit seiner Gründung ein reiner Herren-Club. Damen waren als Gäste geduldet, Mitglied werden und rudern durften sie nicht. 

Tennis galt damals als Zeitvertreib und im Mixed konnte man Vertreter des anderen Geschlechts kennenlernen, man sprach auch vom „Verlobungstennis“. Natürlich hielt man sich an die strenge Kleideretikette, der Rock reichte bis zum Boden und vor der Sonne schützte ein Hut, während die Herren ein Käppchen wie beim Croquet trugen. 

1890, zehn Jahre nach seiner Gründung, hat der MRC 196 Mitglieder und eine Akademische Ruderabteilung für Studierende in München. Die Damen dürfen ab dem Jahr 1906 rudern, aber, wie der Chronist Dr. Grabe in seiner „Einhundert Jahre“- Schrift notiert: „Das Rudern der Damen darf nur wochentags und nur in den Booten „Caspar“ und „Albert“ erfolgen…“.

Generell konnten Frauen ab 1911 in Kleidern rudern. Ab 1920 waren, nach langen Kämpfen, endlich ‚Sportbeinkleider‘ (Hosen) gestattet. Allerdings wurde zunächst über dem Sportanzug noch ein langer, abknöpfbarer Rock getragen, der erst im Boot abgelegt wurde.

Who the hell is Alice?

Dass sich für Frauen im Sportbetrieb etwas ändert, ist der Sportpionierin Alice Milliat zu verdanken. Am 5. Mai 1884 als Tochter wohlhabender Eltern in Nantes geboren, lernt sie verschiedene Sprachen, arbeitet als Französischlehrerin in London und heiratet dort als 20-Jährige den Kaufmann Joseph Milliat. Ihr Mann stirbt bereits nach vier Jahren. Alice Milliat bleibt fortan ledig und widmet sich dem Sport, als Schwimmerin und Hockeyspielerin, nimmt an Autorennen teil und bestreitet ein Ruderrennen über 80 Kilometer. In ihrer Londoner Zeit hatte sie die Suffragetten kennengelernt und Sportlerinnen, die von Trainingsübungen in langen Hosen, versteckt hinter Mauern und Büschen, berichteten und von herablassenden Kommentaren seitens der Journalisten und Ehemänner. In ihrem Pariser Klub »Fémina Sport« jedoch, in dem Alice Milliat rudert und dessen Präsidentin sie 1915 wird, können die Mitglieder ab 1912 Frauenfußball, Leichtathletik, Basketball, Feldhockey, Rudern oder Radfahren ausüben.

Während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) hatten Hunderttausende Frauen in Fabriken Verantwortung übernommen und sich in England, Deutschland und in den USA das Wahlrecht erkämpft. 1919 wendet sich Milliat brieflich an das Internationale Olympische Komitee IOC und fordert die Gleichberechtigung von Frauen bei den Spielen 1920 in Antwerpen. Als das IOC ablehnt, gründet sie mit Mitstreiterinnen aus allen sozialen Milieus den Internationalen Frauensportverband FSFI. Ende März 1921 organisieren sie die ersten »Jeux Olympiques Féminins« in Monte Carlo. Rund 100 Athletinnen aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Norwegen und Schweden treten in zehn Leichtathletik-Disziplinen an, sowie im Basketball, in Gymnastik, rhythmischer Gymnastik und im Pushball. Im August 1922 finden die zweiten Weltspiele in Paris statt – als »Frauen-Olympiade« mit 20 000 Zuschauern. 

Die weiblichen Unterleibsorgane verwelken

Bis 1934 laufen insgesamt sieben internationale Sportwettbewerbe für Frauen, zunächst als »Olympia für Frauen«, später als »Frauen-Weltspiele«, weil das IOC Milliat die Nutzung des Namens »Olympiade« untersagt. Journalisten verbreiten die Gerüchte, dass einige Sportlerinnen während der Wettkämpfe in Ohnmacht fielen oder »hysterisch« weinten. Nach dem Sittenbild der damaligen Zeit sollten Frauen nur aus gesundheitlichen Gründen Sport treiben, und das möglichst im Privaten. Mediziner erklären den Frauensport sogar für gefährlich. Noch 1931 argumentiert der Leipziger Gynäkologe Hugo Sellheim: »Durch zu viel Sport nach männlichem Muster [wird] der Frauenkörper direkt vermännlicht, die weiblichen Unterleibsorgane verwelken.« 

Diese Auffassung teilen offenbar auch die Funktionäre des Deutschen Ruderverbandes. Das Rennrudern kann sich für Frauen zunächst nicht etablieren und noch bis in die 1950er Jahre sind alle Wettbewerbe als ‚Jungmann‘ mit der männlichen Bezeichnung ausgeschrieben. Ab 1919 finden speziell für Frauen „Stilruderwettbewerbe“ statt, die letzten wurden 1963 in der DDR bzw.1969 in der Bundesrepublik ausgetragen. Bewertet wurde die ‚ästhetische‘ Ruderarbeit, also der Ruderstil, nicht wie beim Rennen die Schnelligkeit der Boote. Auf fließenden Gewässern betrug die Strecke fünfhundert Meter stromab, dann nach dem Wenden fünfhundert Meter stromauf. Die Punktwertung erfolgte, ähnlich wie beim Eiskunstlauf, für die Körperarbeit und die Blattführung der Ruderinnen, durch zunächst ausschließlich männliche Schiedsrichter. 

1911 gründet der MRC 1880 eine Schüler- und 1924 eine Jugendruderabteilung, lässt aber immer noch keine weiblichen Mitglieder zu. 1927 kommt Conrad Sill (1887 – 1960), Rennruderer und Mitglied vom Nürnberger „Duzendteich“, wo er die Achtermannschaft trainiert, mit seiner Familie nach München. Da es dort keine Wohnungen gibt, werden die Möbel eingestellt und die Familie lebt vorübergehend für ein Jahr in einer möblierten Wohnung in Starnberg. Die Töchter Lotte, Trudl und Erni (* 6. Februar 1919) gehen nach der Schule natürlich in den MRC 1880, denn Sill hat hier sofort ein neues sportliches Zuhause gefunden. Erni steuert schon als Achtjährige den Rennvierer des Vaters, 1930, mit elf Jahren fängt sie selbst zu rudern an. 

Im Jahr 1887 hatte der Münchner Ruderclub eine Badeordnung (Badehose obligatorisch!) beschlossen und ein Männerbad eingerichtet. Dieses ringsum mit Brettern verkleidete „Herrenbad“ gab es noch immer, Übernachtungsmöglichkeiten für die Frauen und Kinder seiner Münchner Mitglieder hatte der MRC nicht. Diese schlafen in gemieteten Starnberger Zimmern, die Männer im Ruderclub. 1930 wird an der Westseite des Grundstücks für die wenigen rudernden Damen ein kleines Blockhaus, die „Flohhütte“, als Umkleide errichtet. 

Neuer Geist und neue Einstellung zum Frauensport

Mit der Ernennung Adolf Hitler zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 und der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändert sich die politische Landschaft in Deutschland, auch und gerade im Sport.

„Deutschlandweit war der Rudersport durch die Ereignisse der 1920er und 1930er Jahre geprägt und unterschied sich in vielen Aspekten von der heutigen Art der Ausübung. Der Erziehungsgedanke stand beispielsweise in vielen Vereinen noch mehr im Vordergrund. „Ziel war es, der Jugend eine erzieherische Perspektive zu geben“. Die älteren Generationen trieben nicht aktiv Sport, sondern finanzierten hauptsächlich den Sport für die Jugend, während sie den Verein nutzten, um ihre Kontakte und Netzwerke zu pflegen. Aus diesem Grund gab es im generellen ein großes Engagement bezüglich Feierlichkeiten.

Mit dem Jahr 1933 folgte dann „eine rigorose und konsequente Einbettung des Sports in das politisch-ideologische Konzept der neuen Machthaber”, welche auch den Rudersport nicht ausließ und das Vereinswesen des ganzen Reiches grundlegend veränderte. Ausschließlich Vereine, die NS-treu waren, konnten langfristig weiter existieren. Im Sommer 1934 wurde die Verbandsstruktur des Deutschen Sports komplett aufgelöst und der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen als Nachfolgeorganisation bestimmt. Neues Machtzentrum war das Reichssportamt in Berlin, während der Reichssportführer die höchste Instanz des deutschen Sports darstellte.“ 

„Besonders deutlich wird der politisch-ideologische Anpassungsprozess im Verein, wenn Fotografien vor und nach 1933 verglichen werden. Uniformen ersetzten Anzüge als formelle Kleidung, militärischer Drill und Ordnung wurden stetig präsenter im Verein und Aufstellung in Reih und Glied nach militärischem Vorbild mit Hitlergruß beherrschten von nun an Bootstaufen und Regatten“.

Philip Nentwig, Bre­mer Ru­der­sport in den An­fangs­jah­ren des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, »In­wie­fern ent­wi­ckel­te sich der Bre­mer Ru­der­ver­ein von 1882 im Ver­lauf der Gleich­schal­tung von 1933 bis 1936 zu ei­nem NS-treu­en Sport­ver­ein?«, (Preisgekrönter) Bei­trag zum Ge­schichts­wett­be­werb des Bun­des­prä­si­den­ten 2020/​21 »Be­weg­te Zei­ten. Sport macht Ge­sell­schaft.« 

Diese Schilderung trifft auch auf den MRC 1880 zu.

Als am 29. April 1933 die Do X auf dem Starnberger See landet und der neue Reichskanzler für einen Rundflug zusteigt, umringen ihn die Ruderer in ihren Booten. 

1933 schließt sich der DDRV dem DRV an und löst sich kurze Zeit später selbst auf. Mit der Gründung des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen am 30. Januar 1934 werden alle deutschen Sportverbände gleichgeschaltet.

In den MRC-Clubnachrichten vom September 1934 heißt es unter der Überschrift „„Gesunde Frau durch Leibesübungen“. Auf Veranlassung des Reichssportführers findet im Oktober eine Reichswerbewoche (statt), die das Verständnis für den Wert der Leibesübungen für die deutsche Frau durch geeignete Propaganda der Vereine sowie Presse und Rundfunk in allen Schichten unseres Volkes wecken soll. Auch wir werden uns selbstverständlich an dieser Werbearbeit beteiligen.“ Durch einen Werbeabend am 13. April 1934 kommen 69 neue Mitglieder (Anfänger) zum MRC, darunter Sportstudenten und Sportstudentinnen mit Lehrfach Sport. Sie erhalten Unterstützung in sportlicher Ausbildung aber nur, wenn sie dem Jungvolk bzw. der H.J. beitreten. Mit dem propagierten ‚straff-sportlichen‘ Frauenideal werden jetzt auch Wettkämpfe für Frauen möglich und nicht von vornherein abgelehnt.

An die neu gewonnenen „Mitglieder der Frauen-Riege des Münchner Ruder-Club von 1880 e.V. schreibt der Vereinsführer im April 1934: 

Seinen Bericht für 1933/34 schließt der Vereinsführer Hermann Wiesinger mit folgenden Worten:

Der Münchner Ruderclub von 1880 e.V. (offizielle Adresse: Bootshaus in Starnberg (links vom Bahnhof) – Bootshaus an der Isar, Ifflandstraße) hatte 1884 auf der Münchener Museumsinsel (früher „Kalkinsel“ genannt) ein Behelfsbootshaus, dann 1896 unterhalb der Bogenhausener Brücke ein weiteres Bootshaus errichtet. An dieses Bootshaus wird im Sommer 1934 eine Damenumkleide und ein Duschraum angebaut. Die Frauen dürfen jetzt nicht nur, es sollen sich sogar „möglichst viele Damen am Wettrudern bei der Internen Regatta am 16. September 1934 auf dem Starnberger See beteiligen.“ Offizielle Rudertage für die Frauen mit Unterricht sind dafür in München Dienstag und Donnerstag ab 17:00 Uhr und der Damen-Trainer Conrad Sill empfiehlt, „daß sich jeweils eine Zweier- oder Vierer-Mannschaft zu einer bestimmten Zeit verabredet“. Eine provisorische Frauenabteilung im MRC mit 32 Mitgliedern wird zunächst bis Oktober eingerichtet.

Fast ein Drittel der 51 namentlich genannten Teilnehmer der Internen Regatta am 16. September 1934 gehört der SA an. Anlässlich der feierlichen Bootstaufen werden offizielle Persönlichkeiten erwartet und im Bericht in den Club-Nachrichten vom November 1934 heißt es: „… das jüngste Mitglied der Jugendabteilung (nahm) die Taufe unseres ersten Doppelvierers auf den Namen unseres Führers und Volkskanzlers „Adolf Hitler“ vor“. Der Vereinsführer H. Wiesinger schreibt im gleichen Heft: „Zum ersten mal in der Geschichte unseres MRC starteten auch Damen und zwar zweimal im Doppelvierer und im Stilrudern“. Die Siegerinnen sind jeweils die Geschwister Ott und Sill. Dann wendet sich der Vereinsführer offiziell an die Frauenruderinnen und lädt „alle Damen unseres Clubs, die bisherigen Frauenruderinnen und alle, die bisher noch abseits gestanden sind, zur Gründungsversammlung einer Frauenabteilung ein.“

Der 16.11.1934 ist der offizielle Gründungstag der Damenabteilung

Die „Frauenabteilung“ hat im Jahr 1934 48 Mitglieder, ein Jahr später 37 Mitglieder. Jetzt bekommen die Damen ein eigenes Starnberger „Damenhaus“, dessen Zimmer unter den Müttern mit Kindern ausgelost werden.

1883 wurde im Mitgliederverzeichnis festgehalten: a) Ausübende: Name b) Unterstützende: Name und Wohnort, wenn auswärtig (z.B. Bremen, London usw). 1895 wird im Mitgliederverzeichnis notiert: Name, Stand (z.B. Kaufmann, Hotelier, Juwelier usw.), Wohnort, eingetreten am – Datum

Nur bei den 1935 eingetretenen Damen steht hinter dem Namen die Religionszugehörigkeit.

Vor 1933 war der MRC 1880 wie viele andere Herren-Rudervereine konservativ-bürgerlich und man hatte gemäßigt wettkämpferische Ambitionen.Ab 1933 wird der ehemals gewählte Vorstand durch den „Führerbeirat“ ersetzt. Dieser ernennt den „Vereinsführer“, der mehr Befugnisse hat, jedoch durch den Reichssportführer bestätigt werden muss. Im Novemberheft 34 schlägt der Vereinsführer H. Wiesinger einen scharfen Ton an: 

Wer körperlich in der Lage ist, Rennsport zu betreiben, dies aber nicht will („sich zu drücken versucht“), wird aufgefordert, den MRC 1880 zu verlassen!

Am 15. März 1935 erhält der Club auf einer außerordentlichen Hauptversammlung neue Satzungen auf Grund eines Erlasses des „Reichssportführers“ (Hans von Tschammer und Osten). Rudern ist jetzt ein Fachamt im NS-Reichsbund für Leibesübungen, die Jugendabteilung wird zu einer HJ- und BDM-Abteilung. Jetzt gilt auch für die Damen, dass sie trainieren und siegen (sollen). 

Am 2. Juni 1935 beteiligen sich 75 Ruderer und Ruderinnen des MRC in München beim Aufmarsch anlässlich der Reichsruderwoche. Zunächst müssen sie vor einem Regenguss unter die Säulenhalle flüchten.

Nach dem Regenguss schreiten die Männer mit einem großen Transparent an der Spitze voran, gefolgt von den einheitlich in Weiß und Blau gekleideten MRC-Frauen. „Leider konnten die Trainingsmannschaften und die MRC-SA-Leute sich nicht beteiligen“, heißt es in den Clubnachrichten, dafür fiel „unsere Gruppe … besonders durch die einheitliche Kleidung und die exakte Formation auf.“

Von Anfang an war das so genannte „Dietwesen“ Teil der nationalsozialistischen Erziehungspolitik.

„…erst der völkische Staat Adolf Hitlers hat den Männern recht gegeben, die immer und immer wieder forderten, daß neben die körperliche Ertüchtigung in voller Gleichberechtigung die völkische Erziehung zu treten hat. Erst dann ist die naturgewollte Vermählung zwischen kraftvollem Körper und strahlendem Geist vollzogen und gekrönt.“ … „Man kann mit einem Satz den Begriff des Dietwesens ganz klar umreißen: „Die Herzen und die Seelen unserer Vereinsangehörigen aufschließen für die gewaltige Arbeit des Führers!“ … „Das Volk ist nicht irgendein Stand, …, sondern eine Lebensgemeinschaft, rassisch, d.i. blutsmäßig verwandter Menschen, deren gemeinsame Art durch das Ueberwiegen eines bestimmten Rassen- und Blutanteiles festgelegt ist.“ … „Das Dietwesen will in ganz enger Anlehnung an das Reichsschulungsamt der Partei die neue und doch so uralte Weltanschauung des Nationalsozialismus in die Vereine des Reichsbundes hineintragen und verankern. Das Dietwesen will erreichen, daß in das Herz aller die zu uns gehören, der Stolz gepflanzt werde, ein Deutscher zu sein. Jeder und Jedes soll allüberall vor aller Welt den Kopf hochtragen und bekennen: Ich bin ein Deutscher! Das Dietwesen ist berufen, der Vereinsgemeinschaft in die Weiten der nationalsozialistischen Weltanschauung voranzumarschieren, als Deutscher zu handeln und zu leben – das Vorbild heißt: Adolf Hitler.“

Ludwig Thannemann, „Dietwart“ des Clubs, in den MRC-Clubnachrichten vom Dezember 1935

Die Frauenabteilung geht „von 65 Mitgliedern in 1935 auf 55 zurück.“ Welche Mitglieder ausscheiden, ob sie freiwillig gehen oder ob sie ausscheiden müssen, wird nicht erklärt, der Chronist Dr. Grabe notiert nur: „Die Entwicklung der Damenabteilung und deren Rudern auf der Isar leidet 1935 unter der Unbill der Witterung.“ Das dauernde Hochwasser behindert das Rudern jedenfalls so stark, dass man den Ruderbetrieb in München ausschließlich auf den Nymphenburger Kanal verlegt und das Bootshaus an der Isar später ganz aufgibt. 

1936 muss sich der DRV selbst auflösen.

An dieser Stelle soll, bevor im Folgenden weiter in nüchterner Kühle von der Entwicklung des Frauenruderns unter den neuen politischen Verhältnissen berichtet wird, betont werden: Der MRC 1880 distanziert sich entschieden von jeglicher braunen Gesinnung, ob in der Vergangenheit, ob in der Gegenwart. Der Club und die Autorin verkennen und verharmlosen nicht die Verbrechen und Verbrecher dieser Zeit, verdrängen weder die Verfolgungen, noch die Massenmorde, auch wenn diese im vorliegenden Kontext nicht thematisiert werden können. 

Als Resümee des Jahre 1938 schreibt Dr. Jobst, seines Zeichens Schriftwart (= Schriftführer) „und „Syndikus bei der Hauptstadt der Bewegung“: „Das Rudern der Männer-Abteilung hat mir im verflossenen Jahr wenig Eindruck gemacht.“ Er stellt einen beängstigenden Mangel an Ruderern seines Alters fest. Die gleiche Beobachtung sei auch bei der Frauen-Abteilung zu machen. Er empfiehlt „eine engere Fühlungnahme bei Polizei, Wehrmacht, SS und SA!!“. 

Trotz reger Beteiligung an einer Hitler-Jugend-Gebietsregatta am 17.7.1938, einer vier Tage dauernden Sonnwendfeier der Partei und eines Aufklärungsabends über Frauenrudern am 12. Mai 1939, dem am nächsten Tag eine praktische Vorführung mit anschließender Einladung zu Kaffee und Kuchen folgt, schwächelt die Frauenabteilung, deren Kassenführerin Erni Sill am 20. Mai 1939 wird.

Krieg und Nachkriegszeit

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 beginnt der Krieg um “Lebensraum im Osten”. Immer mehr Männer des Münchner Ruderclubs werden zur Wehrmacht einberufen, Ende des Jahres sind bereits drei Mitglieder gefallen. Die vom N.S. Reichsbund für Leibesübungen herausgegebenen „Einheitssatzungen“ werden am 20. April 1940 genehmigt. Der Vereinsführer wird von den Mitgliedern vorgeschlagen, bestellt wird er durch den Sportkreisführer. Zum Geburtstag des Führers gibt der MRC 40 kg Messing, 5,5 kg Kupfer, 5 kg Zink und 2,5 kg Zinn für die „Metallspende“ ab.

An die an der Front stehenden Clubkameraden schicken die Damen Feldpost und zu Weihnachten Päckchen mit Lebensmitteln und mit den damals gängigen Novellen in deutscher Schrift. Die Dankesschreiben der einberufenen Männer werden in Auszügen auf der letzten Seite der Zeitung abgedruckt.

Die Frauen rudern zuhause erfolgreich weiter. Erni Sill siegt 1941 in Bamberg nicht nur im Frauen-Senior-Einer über die Deutsche Meisterin, sondern auch im „Stilrudern“, und der stolze Vater schenkt ihr ein besonders schnittiges Rennskiff, den „Pfeil“. 

1942 verkehren die „Bayern“ im Bootshaus des MRC, da das „Bayernheim“ von der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt worden ist. Im April 1944 sind auch das Damenhaus und die Flohhütte von der Wehrmacht beschlagnahmt, ihr Abteilungskommandeur und sämtliche Offiziere sind Mitglieder im Club geworden. Die „Ruderstiftung Kriegskameradschaft“ fordert von jedem deutschen Ruderer eine Spende, mit der „jeder Ruderer seinen heiligen Zorn über die Schandtaten der Feinde zum Ausdruck bringen (soll).“ 

Am 8. Mai 1945 endet der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. 12 der Aktiven des MRC sind gefallen, viele in Kriegsgefangenschaft. Am Eingang zum Clubhaus hängen ein „Off-Limit“-Schild der amerikanischen Besatzer und ein Schild „Reserved for 27the Evacuation Hospital“.“ Im Damenhaus lebt eine ungarische Flüchtlingsfamilie, Boots- und Clubhaus dienen als Soldaten- und Offiziers-Club mit Barbetrieb. Nur dank eines englisch sprechenden Luftwaffenoffiziers namens Lehmann, der den Amerikanern 1945 als Dolmetscher dient, sind die Boote weitgehend unbeschädigt. Albert Mayer, seit 1943 Vereinsführer, bemüht sich vergeblich um Erteilung der Lizenz zur Weiterführung des Ruderbetriebs. 

Im August 1946 erhält der Club die „License“ zur Neugründung. Nach Anordnung durch die Militärregierung „dürfen nur Unbelastete oder „Mitläufer“ in den Club aufgenommen werden. Daher ist eine Wiedereintritts-Bereitschaft mit einer entsprechenden Erklärung abzugeben.“ Das Damenhaus ist geräumt und wird desinfiziert, aber „einige Kameraden, die schon gerne mitgearbeitet hätten, mußten sich offiziell noch zurückhalten, weil sie bis dato keinen „Persilschein“ in Händen hatten.“ (Der sogenannte “Persilschein” diente im Rahmen der von den Alliierten vorgenommenen Entnazifizierung als entlastende Bescheinigung.)

Auflösung der Frauenabteilung und Neubeginn

1948 wird am 31.März wieder angerudert. Für die Mannschaften aus 7 Damen und 13 zum Training verpflichteten Herren wird dringend um Unterstützung durch Tee, Zucker, Kartoffeln und „Nährmittel“ gebeten. Das Clubabzeichen darf wieder getragen werden. Die Frauenabteilung wird neu aufgebaut und die Damen heimsen wieder Regattasiege ein. Am 13.4.1949 werden die Ämter der Frauenabteilung neu besetzt, aber schon am 31.3.1950 wird die Auflösung der Frauenabteilung als selbständiger Verein durch Satzungsänderung beschlossen. In alle Ämter des Clubs wird eine Frau als Stellvertreterin gewählt. 1951 sind Amerikaner und Flüchtlinge verschwunden, jetzt können die Damen wieder im „Frauenhaus“ wohnen und miteinander rudern. 

In den Aufbaujahren des „Wirtschaftswunders“ wird der Club der Ort für Urlaub, Sport und Freizeitvergnügen für die ganze Familie. Viele Mitglieder verbringen hier die gesamten Ferien ihrer Kindheit. In den 50er Jahren kostet eine Übernachtung am Wochenende 80 Pfennige, unter der Woche 50 Pfennige, also für die ganze Woche 1,30 DM pro Tag. 

1960 wird der Plan gefasst, das Damenhaus aufzustocken, um 10 Zimmer zu gewinnen, aber nicht umgesetzt. 1968 erscheint die erste Nummer von „Riemen und Skull“. Ab 1969 beschäftigen sich die Ruderer vor allem mit der Regattastrecke für die Olympischen Sommerspiele in München, die Ruderwettkämpfe finden im September 1972 auf der Regattastrecke in Feldmoching statt.

Am 19. April 1980 steigt in der Akademie der schönen Künste in der Münchner Residenz der Festakt anlässlich der 100-Jahr-Feier des Clubs, einen Tag später feiert man im reich geschmückten Starnberger Bootshaus weiter. 

1984 feiern die Frauen 50 Jahre Damenabteilung. Der Club hat jetzt 300 Mitglieder, von denen die Hälfte aktiv rudert, Rund ein Drittel davon sind Frauen. Erni Wörner heimst noch im fortgeschrittenen Alter auf den Masters Regattasiege ein. Gleichzeitig ist sie Ausbilderin für „Jugend trainiert für Olympia“ und betreut nach dem Ende ihrer aktiven Karriere die älteren Anfänger. Fast täglich rudert sie in ihrem Skiff und ist gesuchte Partnerin bei Männern und Frauen für eine Fahrt im Zweier-Rennboot. 

1976 kostet die Miete für ein Bett im Damenhaus 70 DM pro Jahr, 1980 sollen die sanitären Anlagen verbessert werden. Es treten jetzt zwar wieder mehr Aktive in den Club ein, doch immer weniger Frauen mieten ein Bett im immer mehr von Spinnweben eroberten Damen-Häuschen, immer weniger Familien bleiben über Nacht oder übers gesamte Wochenende. Und so stellt man 1997 erste Überlegungen zum Bau eines neuen Damenhauses an. Im Jahr 2000 wird ein Bauausschuss gegründet, 2003 der Architektenplan und die vom Vorstand vorgelegten Kostenvoranschläge gebilligt, und 2004 die Baugenehmigung erteilt. 

Fast rechtzeitig zur 125-Jahrfeier des Clubs wird das neue, sich schön in die Uferlandschaft einfügende Mehrzweckhaus fertig. Auf der einen Seite beherbergt ein schlichtes Langhaus die weiblichen Mitglieder, auf der anderen Seite dient ein zweiseitig verglaster Pavillon dem ruderspezifischen Training auch bei widrigen Wetterbedingungen – für Frauen und Männer gleichermaßen.

Wiederentdeckung des „Stilruderns“?

Erni Wörner, geb. Sill war nicht nur Meisterin im Renn- und im Stilrudern, sondern wurde in den fast 90 Jahren ihrer Zugehörigkeit zum MRC dessen unvergessene Seele und Vorbild für alle. Als das „jüngste“ Ehrenmitglied am 13. Januar 2016 stirbt, hat jeder seine ganz persönliche Erinnerung. Für immer bleiben Ihre Worte: „Laaaaang werden beim Vorrollen!“ Schweeeben!“ 

Im Lauf der Jahre werden es immer mehr Frauen im MRC, derzeit sind 257 weibliche Mitglieder im Breitensport oder im Leistungssport aktiv und engagieren sich in der Organisation des Clubs, auch auf Vorstandsebene. Lange, so erinnern sich Einige, herrschte ein anderer, nicht immer angenehmer Ton im Club. Für Ernis Credo, dass ein Boot umso schneller läuft, desto sauberer die Rudertechnik ist, war sie selbst der beste Beweis. Vielleicht ist es gar nicht so abwegig, „Stilrudern“ wieder einzuführen. Nicht nur als Wettkampfprogramm für Frauen und Männer, auch im Umgang auf Augenhöhe von Männern und Frauen untereinander 

U.M.

Quellen

Chronik Dr. Grabe, 100 Jahre MRC 1880; 

MRC-Archiv diverse Alben, u.a. „Bilder 1885-1910 aus privater Hand N 7“; 

Festschrift 125 Jahre Münchner Ruderclub von 1880 e.V.; 

U. Mertz in Starnberger Stadtgeschichte 2011, Bd. 8/1; Interview mit Erni Wörner und R&S 2015, Seite 48/49; 

Lörchner, J. (2021, 24. März). »Die weiblichen Unterleibsorgane verwelken«: Frauen bei Olympia. DER SPIEGEL, Hamburg (externer Link);

Datei:Alice Milliat.jpg – Wikimedia Commons. (o. D.). (externer Link);

Blaschke, R. (2024, 10. Januar). Die Revolution der Frauen. nd-aktuell.de (externer Link);

Wikipedia-Autoren. (2010, 25. März). Stilrudern (externer Link);

Der ewige Prototyp: Die historische Geschichte der Do X – fliegermagazin. (2022, 25. Mai). Fliegermagazin (externer Link).