Weltkugel

Zwölf zieht’s in den Hohen Norden

Zwei Länder, drei Boote, vier Clubs – Elbe und Öresund lassen schön grüßen.
MRC-Wanderfahrt nach Hamburg und Kopenhagen vom 11. bis 19. Juli 2026

Erste Station: Hamburg

Wo gründete man den ersten deutschen Ruderclub? In Hamburg, gute 40 Jahre bevor Otto Weiss & Co das Rudern nach Starnberg brachten. Englische Geschäftsleute hatten den Hanseaten diesen Sport schmackhaft gemacht. Eine Delegation aus dem MRC wollte sich die Szene dort oben näher anschauen.

Drei Flüsse – drei Vereine

In Hamburg fließen die Flüsse Elbe, Alster und Bille zusammen. An jedem davon gibt man uns großzügig drei Vierer mit Obleuten, die uns gerne ihr Revier zeigen. Drei Flüsse und drei Clubs, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Am Sonntag bei den Wikingern

Los geht’s beim Wander-Ruderverein „Die Wikinger“. Der ist in der Veddel, einem Mini-Stadtteil, der sich über drei kleine Elbinseln erstreckt und mitten im Hafen liegt. Das Vereinshaus liegt sehr versteckt, ums Haus herum rauer Industrie-Charme. Was Leute aus Bayern gar nicht kennen: Vorm Rudern ist der Gezeitenkalender zu beachten. Die Nordsee ist zwar 100 km weit weg, dennoch führen Ebbe & Flut hier immer noch zu 3 m Tidenhub. Man muss strategisch rudern: Wer die Elbe stromaufwärts befahren will wie wir, der startet am besten mit auflaufendem Wasser, so gibt es sogar auf „Bergfahrt“ Schub von achtern. Und auf der Rückfahrt sollte man besser mit ablaufendem Wasser losskullen.

Die Boote heißen in diesem Verein Aegir, Sleipnir, Fafner oder Frigga. Hörner-Helme trägt man aber keine und Wagner-Musik wird auch nicht gespielt. Sie sind hier stolz drauf, der einzige Verein zu sein, der im Hamburger Hafen aktiv ist. Können sie auch: Der Hafen ist interessant und immer anders – einfach abwechslungsreich. Wer Idylle sucht, muss halt erst mal ein Stück rudern.

Wir drehen eine Hafenrunde, dann geht’s die Norderelbe hoch bis zur Flussgabelung vor Hamburg, wo sich der Strom in Norder- und Süderelbe teilt. Dort liegt die Ortschaft Over. Am Elbufer gibt es eine bekannte Wirtschaft, bei der die Wikinger Tische reserviert haben.

Zurück in die Veddel

Die Tide kippt, das Wasser fängt an abzulaufen – Aufbruch ist angesagt. Es geht die Norderelbe runter. Kurz vor den Elbbrücken geht’s links rein in den Marktkanal – bis vors Sperrwerk. 31 km sind gerudert, das war’s für heute. Man verabredet sich für den kommenden Dienstag 19 Uhr zur wöchentlichen Vereinsausfahrt. Die geht über die Elbe rüber – an der Elbphilharmonie vorbei zur Speicherstadt und wieder zurück. Das wird für uns echt mal GANZ was anderes!

Montag: Die Bille ist dran

Unsere Crew macht sich per Öffi auf den Weg zum Biller RC. Das Vereinsgelände ist ein Streifen Land direkt an der Bille, geschätzte 15 m breit und 150 m lang, gelegen am Rande einer Kleingartenkolonie.

Dieser freundliche Club besticht durch seine Gastfreundschaft. Nur ein paar Wochen vor uns war schon eine andere MRC-Delegation hier an der Bille zum Rudern unterwegs, wie wir im prallevollen Gästebuch nachlesen können. Wir zwölf nun machen eine ausgedehnte Tour billeaufwärts, sie geht bis an den Stadtrand von Hamburg. Nach der Rückkehr gibt es reichlich wunderbaren Obstkuchen und Kaffee. Danke, liebe Biller, für den herzlichen Empfang und eure Großzügigkeit.

Last not least: Die Alster

Hamburgs bekanntestes Ruderrevier ist die Alster – da müssen wir also auch noch hin. Beim Alster-Ruderverein Hanseat gibt man uns am Dienstag die Boote, drei Hanseaten begleiten uns als Obleute. Und dann heißt es „frei weg“.

Wir lassen nichts aus: Erst Stadtparkteich, dann Rondeelteich. Pause beim Hamburger Ruderinnen-Club, weiter durch die Außenalster zur Binnenalster bis zum Jungfernstieg, zurück über den Edelclub Germania, am RC Alemannia vorbei (Olaf Scholz wurde nicht gesichtet) und schließlich wieder zurück nach Winterhude. Ein echtes Erlebnis, diese Tour. Kaum einer hatte eine Vorstellung davon, dass es derart viele ruderbare Wasserstraßen in Hamburg gibt. Danke, liebe Hanseaten.

Speicherstadt und Elbphilharmonie warten

Die Alster ist nun abgehakt – um 18 Uhr müssen wir aber schon wieder in der Veddel sein. Stopover im Hotel ist zeitlich nicht drin. Bei den Wikingern dann schnell die Vierer ins Wasser, Crew rein in die Boote und ab über die Elbe. Bald schon sind die beiden Hamburger Hotspots in Sicht: ElPhi und die Speicherstadt. Die Zeit verrinnt, Stress kommt auf: Wir wollen noch beim “Spice Anker” essen, dem Inder neben unserem Hotel, bevor die Küche dicht macht. Also ran an die Skulls, zurück zum Bootshaus und von da dann aber hurtig zum Lokal. Klappt gerade noch so: Er hat noch offen, der Abend ist gerettet. Und zwölf hungrige MRC-ler erfreuen unseren indischen Speisemeister mit einem ansehnlichen Spätumsatz. Auch wir sind hochzufrieden: Das Essen ist bei ihm mal wieder ausgezeichnet.

Hellmuth, der Orga-Chef: Chapeaux!

Das Hamburg-Abenteuer war überragend gut organisiert – besser geht’s nicht. Von allen, die dabei waren: Dir, Hellmuth, vielen Dank. Du bist nun entlastet. Denn ab jetzt übernimmt unsere Danmark-Referentin Konstanze die Fahrtenleitung.

Nächstes Ziel: Kopenhagen

Der Zug ab Hamburg Hbf ist schon dänisch, die Gleise bis zur Grenze sind aber noch deutsch. Drum zockeln wir mit Tempo 100 durch Schleswig-Holstein und erreichen nach zwei Stunden endlich die dänische Grenze. Wo ein Hauch von DDR weht – nur eine einzige Tür am ganzen Zug wird geöffnet, wer aussteigt, wird argwöhnisch vom dänischen Grenzbeamten beäugt. Danach brettert der Zug ICE-mäßig mit Tempo 250 weiter gen Norden – bis Fredericia, das liegt vor der Belt-Brücke zur Insel Fünen.

SEV auf dänisch

Ab jetzt ist SEV ist angesagt, den kennen auch die Dänen: Alle Passagiere aus dem knallevollen ICE von Hamburg müssen mitsamt massenhaftem Gepäck auf Busse umsteigen, mit denen es 135 km weiter durch Fünen und Seeland geht, bis kurz vor Kopenhagen. Das passiert unter kundiger Anleitung vom Buspersonal in schlappen 30 Minuten. Der Ton bleibt leise, niemand schimpft und vor allem: Niemand drängelt. Es läuft gemächlich und gelassen. 90 min später erreichen wir Ringsted, hier umsteigen nach København. Wo an der Central Station schon Samuel auf uns wartet. Das ist unser Verbindungsmann, ein danisierter Schweizer vom Kopenhagener Club KVIK.

Überraschung 1: Fahrtenschwimmer-Prüfung

Einchecken im Danhostel, wo wir vier Tage im 13. Stockwerk wohnen werden.
Danach wartet schon das Schmankerl des Tages auf uns: Die Schwimm-Prüfung! Unweit unserer Unterkunft gibt es einen öffentlichen Badebereich, wir alle müssen dort rein ins Ostsee-Wasser. Das hat angenehme 21 °C, gerade richtig nach diesem heißen Tag im Bus. 300 m sollen wir schwimmen, Samuel guckt. Wer’s schafft (Spoiler: Alle!), darf ab morgen mitrudern. Anschließend Essen, Trinken, Duschen, Schlafen: Alles ist/alle sind geschafft vom Tag, und der ist rum.

KVIK, der Club

Nach dem Frühstück per Öffi ab zum Ruderclub. Der heißt KVIK und ist der älteste dänische Roklubb – gegründet 1869. „Kvik” ist keine Abkürzung, sondern schlicht das dänische Wort für „flink, lebhaft, munter, rasch“. Samuel, unser engagierter Betreuer, stellt uns Dorte und Klaus vor. Drei Boote brauchen nun mal drei Obleute.

Inrigger-Boote

Rudern werden wir in Inrigger-Booten. Das sind breite und seegängige Riemenboote, man sitzt versetzt hintereinander. Vorteil: Man kann auch unterwegs recht einfach den Platz wechseln. Nachteil: Bei sehr unterschiedlichen Körpergewichten der RuderInnen kann der Kahn schon mal schief liegen. Nein, nicht nur: “Boot hängt nach x-Bord” – hier bekommt man u. U. eine solche Schlagseite, das man sie mit bloßem Auge erkennt.

Senioren-Turnen auf hoher See

Und dann ist da noch eine seltsame Tradition bei dänischen Crews (oder nur bei KVIK?): Es wird unterwegs etwa alle 20 min der Platz gewechselt. Von allen fünfen. Wer steuert, geht durchs ganze Boot auf Platz 1, 4 geht auf Steuer, alle Anderen rutschen derweil eins vor: eine etwas heikle Turnübung. Der Sinn des ganzen? Erschließt sich uns nicht, man macht‘s vielleicht einfach, weil man’s kann. Nichts gegen einen Seitenwechsel nach Landgang, es tut ganz gut, mal links und mal rechts zu ziehen. Aber das hier? Egal, wir sind Gäste und buchen das schweigend ab unter “Andere Länder, andere Sitten”.

Kopenhagen sehen: Da kommt Freude auf

Wir fahren durch den Kanal zwischen der Insel Seeland und der vorgelagerten Insel Amager. Es geht vorbei an der “Freistadt Christiania”, dem 1971 gegründeten“ alternativen” Wohnviertel, dann durch allerlei Hafen-Kanäle, die auf beiden Seiten dicht bebaut sind und wo wir teils spektakuläre, zeitgemäße neue Wohnarchitektur zu sehen bekommen. Alt ist hier kaum etwas, das hat unter anderen auch etwas mit den Briten zu tun, die anno 1807 Kopenhagen von See aus gründlich in Brand schossen, um Dänemark zur Aufgabe der von Napoleon verfügten Kontinentalsperre zu zwingen.

Überraschung 2: Unerwartete Edelspeisung

Der Tag ist heiß, wir haben schon mindestens 10 km hinter uns – eine kleine Trinkpause wäre angesagt. Da taucht plötzlich und völlig unerwartet ein kleines Restaurant auf, der “Bådklubben Valby”, an dem man anlegen kann. Und dann, welch’ himmlische Labsal: Der Wirt hat ein kleines Buffet mit Smørrebrøds angerichtet. Dazu gibt’s kühles Tuborg – ja, was will man denn da noch mehr? So aufgerüstet machen wir uns gut gelaunt auf den Weg zurück nach KVIK.

Ganz Kopenhagen ist ein Freibad

Auffallend für den deutschen Besucher sind die unzähligen Freibadestellen. Die gibt es praktisch an jeder Ecke der Stadt, die am Wasser liegt. Alles öffentlich, alles bestens ausgestattet mit Liegemöglichkeiten, dabei leicht und barrierefrei zugänglich. Vor allem: alles garantiert kostenlos. Niemand muss etwas bezahlen, um sich dort aufhalten zu dürfen. Noch was sticht ins Auge: Alle Freibadestellen sind sehr gut besucht, und das an einem normalen Werktag zur Arbeitszeit.
Der Gerechtigkeit halber sei gesagt: So eine lange Schönwetterperiode, wie wir sie erleben durften, diese Wassertemperaturen, die gibt es hier nicht oft. Sei’s drum: Wir haben es so erlebt!

Inselfahrt

Neuer Tag: Freitag, der 17. Juli. Neues Ziel: Die Kopenhagen vorgelagerte Insel Flakfortet, ein ehemaliger Militärstützpunkt. Muss man nicht gesehen haben. Aber erstens braucht man beim Rudern immer ein Ziel. Und dann sieht man vom Boot aus besser den Öresund und die Brücke rüber nach Schweden.
Auf der Insel wird gepicknickt. Samuel hat großzügig eingekauft, wir lassen uns nieder, holen im nahegelegenen Restaurant unser kühles Tuborg und freuen uns des Lebens.

Samstag: Abschied liegt in der Luft

Letztes Mal KVIK, es gibt noch eine Spazierfahrt den Öresund hoch. Hier leben am Ufer die besser Betuchten, man sieht’s einfach.
Die Fahrt geht bis Charlottenlund, da gibt es den Gabbiano, wo wir uns die typisch italienische Speise Smørebrød bestellen. Dass auch hier ein Tuborg dazu gehört, ist eh klar.

Abends Mad

Nein, noch sind wir nicht verrückt. Mad ist dänisch und heißt “Essen”. Wir zwölf und unsere drei Kvikies lassen uns abends im Restaurant Mad-Klubben beim gemeinsamen Mahl verwöhnen. Welch angenehmer Abschluss. Das war’s dann von unserer Seite, liebe Danskes. Vielen Dank Samuel, Dorte & Klaus. Gut war’s. Wir haben viel gesehen bei euch.

Fazit

Eine fabelhaft organisierte Kopenhagenfahrt liegt hinter uns. Es lief wie am Schnür­chen – Profi-Planung eben. Danke für alles – 5 Punkte bei Tripadvisor.