Oder? Oder!!!
Auf Rudertour in Niederschlesien
Polen scheint auf der mental map der meisten Deutschen leider immer noch hinter einem Eisernen Vorhang verortet. Dabei hat unser schönes Nachbarland so viel zu bieten, das wert ist, entdeckt zu werden. Meine Freude war also groß, als unser Wanderruderwart Hellmuth Nordwig vom 15. bis zum 19. Juni eine Wanderfahrt auf der schlesischen Oder ankündigte. Acht Leute, zwei Boote, 123 Kilometer und 16 Schleusen: Das Abenteuer rief.
Down memory lane
Die Boote lieh uns der AZS Wratislavia und transportierte sie für uns oderaufwärts nach Krapkowice. Der Ausgangspunkt war nicht zufällig gewählt: Krapkowice/Krappitz ist der Geburtsort von Uli Kuloziks und Hellmuths Vater, und so schlenderten wir am Ankunftstag erst einmal durch das Städtchen auf den Spuren der Vorfahren. Dann ging es los: Über Opole, Brzeg und Oława mäanderten wir mit der Oder zunächst nach Norden, dann nach Nordwesten zurück nach Breslau. Aufgrund des niedrigen Wasserstandes brauchten wir uns die vielen Schleusen nicht mit Frachtschiffen teilen und hatten die Oder – bis auf wenige, äußerst rücksichtsvoll fahrende Motorboote – für uns.
Chopin im Saloon
Eine hübsche Stadt nach der anderen, freundliche, hilfsbereite Menschen, ein mächtiger Fluss, in dem ich in den vier Tagen nicht eine einziges Stück Müll schwimmen sah: Wanderrudern wie aus dem Bilderbuch. Die vorletzte Station war Oława, wo wir in einem schwimmenden Hotel übernachteten, mit Bootsparkplatz gleich neben dem Bett. Zum Abendessen stiegen wir die Oderböschung hinauf und landeten unverhofft im Wilden Westen, genauer gesagt in der Tawerna Kapitańska. Der verantwortliche Innenarchitekt hatte sich offensichtlich nicht zwischen Kapitänsmesse oder Westernsaloon entscheiden können und daher beiderlei Stilmerkmale großzügig verbaut. Das Essen war hervorragend. Und obwohl wir die einzigen Gäste an diesem Abend waren, erschien ein Pianist und ließ – nein, nicht Ragtime, sondern Chopins herzerreißend schöne Nocturnes aus dem weißen E-Flügel perlen.
Sterne
Am letzten Tag landeten wir erschöpft von den 32 Ruderkilometern in brütender Hitze im Heimathafen an. Der Empfang war herzlich und die Ruderkolleginnen vom AZS Wratislavia waren gespannt, von unserer Tour zu hören.
Wir ließen die Fahrt im Restaurant Lwia Brama auf der Dom-Insel ausklingen. Während draußen ein Gewitter tobte, Blitze über der Kathedrale zuckten und der Regen sich kübelweise aufs Kopfsteinpflaster ergoss, saßen wir gemütlich in einem mittelalterlichen Ziegelgewölbe und genossen schlesischen Wein und die mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Kochkunst.
Gäbe es Michelin-Sterne für Wanderfahrten, unsere Reise auf der Oder hätte drei von dreien verdient. Dziękujemy bardzo, Hellmuth.








